Islamismus - Informationsveranstaltung

 

Islamismus: ein Begriff, der in Zeiten sich mehrender Terroranschläge immer wieder an Gestalt gewinnt; sei es durch den Attentäter in Berlin, inmitten von Schüssen eines Pariser Rock-Konzerts oder bei dem sogenannten heiligen Krieg in Syrien. Immer mehr flammt dieser Begriff auf und prägt sich mit seinen schreckenserregenden Bildern in die Köpfe vieler besorgter Menschen ein. Dass sich hinter jenem Begriff aber mehr verbirgt als reine Gewalt, teilte die Islamismus-Wissenschaftlerin Britt Ziolkowski vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg den Gemeinschaftskunde-Neigungskursen der Kursstufe am 29. November 2017 in einer zweistündigen Informationsveranstaltung mit.

Im Vortrag wurden zunächst grundlegende Informationen zum Thema Islamismus dargelegt: Islamismus sei zwar ein Teil des Islams, da sich Islamisten bei ihren Taten und ihrer Wertvorstellung auf jene Religion berufen und sich dadurch auch zu legitimieren versuchen. Dennoch ist klar abzugrenzen zwischen der Religion Islam, die friedlich praktiziert wird, und dem Islamismus - einer Ideologie, die den Islam radikal in der Welt zu etablieren versucht.

Im Gegensatz zum gemäßigten Islam haben alle Formen des Islamismus gemein, dass dieser ausnahmslos in alle Lebensbereiche eingreifen solle, indem Allah nicht nur als Gott, sondern auch als absoluter Befehlshaber angesehen wäre. So begrüßt der Islamismus den direkten Einfluss in die Politik, indem die Verfassung dem Koran als wortwörtlich verstandene Schrift untergeordnet ist und die Scharia nicht nur als ethische Pflichtenlehre, sondern auch als allgemein gültiges Gesetz angesehen werden solle - und das idealerweise überall auf der Welt.

Auch wenn jene Gemeinsamkeiten des Islamismus der radikalen Form Gestalt verleihen, so solle nicht unbeachtet sein, dass der Islamismus, wie auch der Islam allgemein, heterogen und vielschichtig ist. So bestehe der Islamismus, entgegen dem ersten Eindruck aus dem öffentlichen Leben, zu großen Teilen aus der Missionierung und politischer Partizipation in Form von Parteiarbeit; die primär gewaltorientierte Ausprägung kann dem dschihadistischen Salafismus zugesprochen werden.

Der Salafismus als jene Gruppierung radikaler Islamisten, die die Gewalt als Mittel zur Ideologieausbreitung für legitim hält und dies auch in die Praxis umsetzt, entstammt grundsätzlich aus zwei historischen Einflüssen: Der Wahhabismus als Vertreter des fundamentalen Traditionalismus verstand sich bereits im achtzehnten Jahrhundert als jene Gruppierung, die weltweit die muslimischen Bräuche zu etablieren versuchte. Dies gelang Saudi-Arabien im zwanzigsten Jahrhundert, wo der Wahhabismus als Staatsreligion in Formen gelebt wird, die sich nicht mit dem gemäßigten Islam vereinbaren lassen.
Die zweite Gruppierung, die ebenfalls den Grundstein für den gegenwärtigen Islamismus gelegt hat, ist die Muslimbruderschaft. Jene wollte zu Zeiten der 1920er den massiven Einfluss des britischen Kolonialismus in Ägypten verhindern und wollte gleichzeitig den Islam als Grundpfeiler in die Gesellschaft manifestieren. Die Muslimbruderschaft verschaffte sich aber nicht nur in Ägypten, sondern auch weltweit Gehör und hat dementsprechend vielerlei Ableger, sei es in Palästina oder in weiteren Teilen des Nahen Ostens.
Sowohl die Muslimbruderschaft als auch der Wahhabismus gelten in Kombination als Wegbereiter des heutigen Salafismus.

Der zweite Teil dieser zweistündigen Veranstaltung gestaltete sich als kooperative Arbeit zwischen der Referentin und den Schülern: Verteilt wurden zahlreiche Fotos, die dem gemäßigten Islam oder dem Islamismus zugeordnet werden sollten.
Dabei musste nicht selten festgestellt werden, dass der nette Schein angeblich gemäßigter Muslime trügt: Auch wenn die Personen auf nicht wenigen Fotos mit einem Lächeln auf dem Gesicht fotografiert wurden, waren jene Personen Islamisten, an denen sich u.a. Osama bin Laden orientierte. Dieser Kontrast zeigte sich in einem Bild in extremer Weise, indem ein Islamist mit einem Kätzchen in den Händen in die Kamera lächelte.
Dass der Islamismus nicht nur im Nahen Osten, sondern auch anderswo durchaus verbreitet ist, wurde verdeutlicht durch die Tatsache, dass Indonesien ein weitgehend muslimischer Staat ist, wo die dort tätigen Islamisten nicht zu verharmlosen sind - zwar wurde der Islam im Nahen Osten gegründet, aber Religion ist nicht ortsbezogen. Die Ursprünge des Islams in Indonesien waren auch dort friedlich: Jenes Land galt als liberal gesinnt und hatte individuelle Ausprägungen, die sich auch an der Kultur orientierten, was jedoch schlussendlich zu einigen Radikalisierungen führte.
Islamismus ist aber nicht nur ein geografisches Problem: Auch altersbezogen können Zusammenhänge geschaffen werden. So sind oftmals Jugendliche, die in einer instabilen Lage sind, besonders anfällig für die scheinbare Perspektive, die die Radikalisierung einem bietet und einen scheinbar einen Sinn im Leben verschafft. So fängt die Mobilisierung von den Jugendlichen oftmals nicht gewalttätig an, sondern ist eher auf die Missionierung bedacht, so wie es z.B. bei Pierre Vogel, einem deutschen, jugendnahen Salafisten der Fall ist, der mit seinen Reden nicht wenige Jugendliche überzeugt.
Neben der angeblich „friedlichen“ Missionierung ist der Dschihadismus die gewalttätige Durchsetzung der islamistischen Interessen. Besonders gefährlich ist die Tatsache, dass der Übergang beider Bereiche fließend ist. Somit ist oftmals nicht offensichtlich, dass sich ein Jugendlicher auf dem direkten Wege zum Dschihadismus bewegt, auch wenn es scheinbar gewaltlos anfing.

Inhaltlich ließ sich die Auseinandersetzung mit den Bildern und dem vorherigen Vortrag zum einen auf die Erkenntnis resümieren, dass Äußerlichkeiten nicht wirklich aussagekräftig sind und gar einen täuschenden, manipulativen Charakter haben. Des Weiteren ist jedoch eine Pauschalisierung des Islams als Weltreligion nicht angemessen: So wie andere Religionen auch bietet der Islam Diversität, sodass nicht jeder Muslim ein Islamist ist.

In einer anschließenden Fragerunde wurden Ziolkowski sowohl Fragen zu ihrer Tätigkeit, aber auch kritische Fragen zum Verfassungsschutz allgemein gestellt: Wie konnte es passieren, dass Anis Amri, der 2016 den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verüben konnte? Eine Klärung der Frage fand nicht statt, aber sie illustrierte anhand dessen die Arbeit beim Verfassungsschutz, die intern durchaus problematisch sein kann.

Neigungskurs - Gk

Durch diese zwei Stunden konnte uns Schüler (und wohl auch den Lehrern) ein umfassender Blick über den Salafismus geboten werden, indem jenes polarisierende Thema differenziert und in einem historischen Kontext betrachtet wurde.
An dieser Stelle möchten wir uns bei Herrn Martensen für die Organisation und Herrn Getzberger für die Unterstützung bedanken, ohne die der Vortrag in solch einer Form nicht möglich gewesen wäre. Der Vortrag bot die Möglichkeit, direkt mit dem Verfassungsschutz in Kontakt zu kommen, was die Glaubwürdigkeit der diskutierten Inhalte nochmals bekräftigt.

Mai Saito, Doku-Team
(Korrekturen von D. Getzberger und F. Martensen)

 

 

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